Erste Begegnung

Heute möchte ich von meiner ersten Begegnung mit einer Holocaustüberlebenden überhaupt erzählen. Da ich überlegt habe mich nun doch an einem Buch zu versuchen, lasse ich gerade viele Geschehnisse Revue passieren und im Zuge dessen sollt auch ihr Anteil haben an den Begegnungen und Geschichten, die sich zugetragen haben.

Manche Dinge kommen ungewollt ins Rollen und im Nachhinein betrachtet war die eine Reise und diese erste Begegnung wegweisend für mich. Manchmal sind es die unscheinbarsten Dinge, die rückblickend die größte Wirkung auf unser Leben haben.

Sommer 2007 war es soweit und ich machte mich auf den Weg nach Polen – Ausschwitz. Es handelte sich um eine Gruppenreise, bei der wir verschiedenste Konzentrationslager in Polen besuchten. Die Gruppe war sehr gemischt mit Menschen verschiedenster Länder und auch israelischen Jugendlichen sowie einer Holocaustüberlebenden die daran teilnahm: Ester Mannheim

Am ersten Tag trafen wir also auf Ester. Wir fuhren gemeinsam zum Vernichtungslager Birkenau. Es war ein riesiges Gelände, auf der sich die ein oder andere Touristengruppe bewegte – ansonsten war es leer und still, bedrückend. Auf den Weg zu den leeren Baracken schwieg die Gruppe großteils – was wäre auch zu sagen gewesen? Es fiel Ester sichtlich schwer, wieder hier zu sein – wer kann es ihr verdenken? Es zeugt von großem Mut und großer Stärke, sich so einer Gruppe anzuschließen und all das Vergangene, das Sie am liebsten vergessen würde, aber nicht vergessen kann, wieder zu durchleben in ständiger Erinnerung daran.

Wir betraten die Baracke, die Gruppe sammelte sich um Ester und sie begann von ihren Erlebnissen zu erzählen. Wir besuchten mit ihr auch Krakau und all die Orte ihrer Kindheit sowie das Lager Plaszow und Belzec. An all diesen Orten erzählte sie einen Teil ihrer Geschichte, die ich hier nun für euch zusammengefasst habe:

Ester stammte aus Krakau, wo sie in einem sehr behüteten Haus aufgewachsen war. Ihre Kindheit schilderte sie als die schönste Zeit in ihrem Leben. Müsste sie eine Farbe dafür wählen – sie würde sie rosa malen.

Als der Krieg ausbrach waren die rosa Zeiten vorbei und ihr Leben wurde immer grauer. Erst kamen die vielen Verbote und sie durfte nicht mehr in die Schule gehen – wo sie doch die Schule so liebte und als junges Mädchen nach Wissen lechzte. Dann wurden sie ins Ghetto gebracht und von dort wurde ihre Mutter verschleppt. Eines Tages war sie verschwunden – einfach so. Später erfuhr sie, dass sie ins Vernichtungslager Belzec deportiert und dort umgebracht wurde.

„Ich konnte mich nicht verabschieden und habe sie nie wieder gesehen, wisst ihr, das hinterließ eine Wunde, die ich durch und durch fühle bis zum heutigen Tag.“

Ester Mannheim

Ihre Mutter, die sich so liebend um alle gekümmert hatte und eine Seele von Mensch war, musste ihren letzten Weg alleine bestreiten.

Der Rest der Familie wurde eines Tages nach Plaszow gebracht. Ein Lager, das durch den brutalen Kommandanten Amon Göth bekannt wurde. Ester berichtete von ihren Erlebnissen mit Göth und davon, dass er zwei Hunde hatte – Herr Rolf und Herr Ralf. Die Lagerinsassen mussten die Hunde mit „Herr“ ansprechen. So sollte ihnen klar gemacht werden, das sie weniger Wert waren als diese Hunde. Herr Rolf und Herr Ralf waren gefürchtet – sie waren darauf abgerichtet zu töten und Göth machte vielfach Gebrauch davon.

An einem Tag, während sie in Plaschow waren, wurden ihr Vater sowie ihr Freund ermordet. Es war ein dunkler Tag in ihrem Leben, so hatte sie beide Eltern und ihren Bräutigam verloren und nur sie und ihre Schwester Judith blieben.

1944 wurde sie dann nach Ausschwitz gebracht. Von einer Hölle zur nächsten. Sie mussten sich ausziehen und kamen in Duschbaracken. Als sie dort standen beherrschte sie nur der Gedanke, ob wohl Wasser oder Gas aus den Duschen kam. Sie hatten Glück, es war Wasser. Sie erzählte uns von einem Tag, es war ihr Geburtstag und ihre Schwester brach sich eine Goldfüllung eines Zahnes heraus, um es gegen ein Stückchen Brot zu tauschen, um es ihr zum Geburtstag zu schenken. Mit dieser Hingabe und gemeinsam überlebten sie Ausschwitz und auch den Todesmarsch nach Ravensbrück, auf dem sie sich danach befanden.

Im Mai 1945 kam die Nachricht, dass der Krieg vorbei war und sie jetzt frei seien. Freiheit, eine erste Freude wurde überschattet von dem Verlust, mit dem ihre Schwester und sie jetzt leben mussten. Sie hatten alles verloren und doch waren sie am Leben geblieben.

Ester und ihre Schwester Judith gingen nach Israel, wo sie heute noch leben. Ester hat geheiratet und drei Kinder bekommen, auch Enkel und Urenkel.

„Ich bin jetzt 83 Jahre alt, doch manchmal, wenn ich unter der Dusche stehe, überkommt mich eine Angst und ich bin für einen Moment nicht sicher, ob Wasser oder Gas aus dem Duschkopf kommen wird.“

Ester Mannheim

Später als ich in Israel tätig war, habe ich Ester noch einige Male getroffen. Sie ist wirklich eine bemerkenswerte Frau und für mich war sie die „Erste“ von vielen Überlebenden die noch meinen Weg kreuzen sollten. Wie die erste Perle einer Kette – eine Kostbarkeit.

Hier könnt ihr ein Interview mit Ester Mannheim sehen, das die „Bild“ produziert hat:

© Sabine Bruckner